Wirtschaft

Protest gegen Stratos-ProjektUtah streitet über Rechenzentrum doppelt so groß wie Manhattan

08.08.2026, 09:00 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Im US-Bundesstaat Utah nahe dem Great Salt Lake ist ein gigantisches KI-Rechenzentrum samt Energie-Campus geplant. Doch die Anwohner protestieren lautstark und ziehen vor Gericht. Ein berühmter Investor verspricht das umweltfreundlichste Rechenzentrum der Welt, rudert dennoch zurück.

Es geht heftig her bei einer Abstimmung Anfang Mai über das weltweit größte Rechenzentrum. Auf einer Tribüne im Saal sitzen die Bezirkskommissare von Box Elder County. Das ist ein Bezirk im Nordwesten des US-Bundesstaats Utah. Immer wieder wird die Sitzung von Zwischenrufen gestört. Hunderte wütende Anwohner waren mit Schildern und Plakaten gekommen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Irgendwann ruft ein Bezirksrat von Box Elder County genervt: "Um Himmels willen, werdet endlich erwachsen!"

Doch die Bezirkskommissare bleiben standhaft. Sie genehmigen das Projekt trotz des heftigen Widerstands der Anwohner - nicht nur im Saal. Fast 4000 Menschen hatten Einwände gegen den Bau des Mega-Rechenzentrums vorgebracht.

Die Abstimmung sei nicht das Ende des Genehmigungsprozesses, sondern der Anfang, sagte Bezirkskommissar Lee Perry nach der Sitzung. "Sollte dieses Projekt umgesetzt werden, wird es sich über viele Jahre hinweg in mehreren Phasen vollziehen. In jeder wird es einer Überwachung, Genehmigungsverfahren und behördlichen Prüfungen unterliegen."

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Ein Anwohner zeigt auf einer Karte die geplanten Ausmaße des Stratos-Projekts: Es soll sich über eine Fläche von etwa 40.000 Acres erstrecken, umgerechnet sind das rund 161 Quadratkilometer. (Foto: Getty Images via AFP)

Das Projekt nennt sich Stratos. Es umfasst ein Rechenzentrum für KI-Anwendungen und einen Energie-Campus. Die komplette Anlage soll gigantisch groß werden: etwa doppelt so groß wie Manhattan. Insgesamt rund 161 Quadratkilometer. So groß sind Aachen in NRW oder Cuxhaven in Niedersachsen. Aber in der Wüste von Utah spielt Platz keine Rolle. Box Elder County ist ein abgelegener Landkreis. In der weiten Landschaft gibt es Landwirtschaft und Viehzucht. Hier leben rund 65.000 Menschen.

Die Baukosten von Stratos liegen bei bis zu 100 Milliarden US-Dollar, aber Geld spielt beim amerikanischen KI-Wettlauf keine Rolle. Das Gesicht des Projekts ist der kanadische Investor Kevin O'Leary. Er tritt in der Reality-TV-Show "Shark Tank" auf - das ist das Vorbild für die deutsche Gründershow "Die Höhle der Löwen". An der Wall Street kennt ihn jeder. In den meisten amerikanischen Wohnzimmern auch.

In einem Interview hatte O'Leary im April erklärt, warum es überhaupt Utah geworden ist: "Man braucht Genehmigungen, Strom und Zehntausende Hektar Platz. Wir haben 20 Standorte geprüft und nur zwei gefunden, die infrage kommen: Utah und Alberta in Kanada."

Landkreis erhofft sich Jobs und Steuern

Was hat Box Elder County davon? Es entstehen viele Jobs, sagen die Projektentwickler: 10.000 Arbeitsplätze im Baugewerbe und 2000 dauerhafte in der Region. Außerdem nimmt der Landkreis Steuern ein. Anfangs sollen es 30 Millionen US-Dollar jährlich sein, wenn das Rechenzentrum fertig ist, bis zu 108 Millionen US-Dollar. Die US-Regierung oder große Technologieunternehmen sollen für die Dienste bezahlen.

Bei voller Auslastung wird die Anlage etwa neun Gigawatt Strom benötigen. Das ist mehr als doppelt so viel, wie der gesamte Bundesstaat Utah vergangenes Jahr verbraucht hat. Stratos will die komplette Energie selbst erzeugen. In Medienberichten ist von einem Gaskraftwerk die Rede. Das Erdgas dafür wird durch die nahegelegene Ruby Pipeline geliefert.

Das habe keine Nachteile für die Anwohner, sagte der Chef der staatlichen Entwicklungsbehörde Military Installation Development Authority (Mida) Paul Morris nach der Abstimmung im Mai. "Die Pipeline ist ideal, um Strom zu erzeugen, der weder aus dem Netz bezogen wird, noch zu einer Erhöhung der Tarife für die Bürger führt." Weil im Zuge des Ausbaus überschüssiger Strom anfallen werde, sei das Ziel, die Anlage an das Stromnetz anzuschließen, um es zu entlasten, so Morris.

Rechenzentrum lässt Temperaturen steigen

Gaskraftwerke sind zwar sauberer als Kohle- oder Ölkraftwerke, aber trotzdem nicht umweltfreundlich. Wenn sie das Gas verbrennen, stoßen sie CO2 aus. Die Anlage von Stratos könnte die CO2-Emissionen Utahs um 55 bis 75 Prozent erhöhen, schätzt die gemeinnützige Organisation Utah Clean Energy.

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Das Rechenzentrum will seinen gesamten Strombedarf vor Ort aus Erdgas aus der nahegelegenen Ruby-Pipeline decken. (Foto: Getty Images via AFP)

Wissenschaftler, Umweltschützer und Anwohner glauben, dass sich das Projekt negativ auf die Umwelt auswirken wird. Sie haben Bedenken wegen der Luftverschmutzung, des Lärms und des Wasserverbrauchs. Sie warnen vor einer Gefährdung des ohnehin schon stark belasteten Ökosystems. Das ist unter anderem ein wichtiger Lebensraum für Zugvögel.

Das Tal werde sich durch das Rechenzentrum verändern, sagt der Physiker Robert Davies von der Utah State University. Er prognostiziert, dass durch die Riesen-Anlage die Temperaturen in der Umgebung um jeweils mehrere Grade steigen könnten: tagsüber um bis zu 2,7 Grad und nachts sogar bis zu 6,6 Grad. "Dieser Strom wird verbraucht und anschließend sofort in Wärme umgewandelt. Es fallen also sieben oder acht Gigawatt Abwärme aus dem reinen Gaskraftwerk an und die Abwärme, die aus dem Strom entsteht, den das Rechenzentrum verbraucht. All diese Wärme wird in das Tal abgeleitet", sagt Davies bei KSL News.

Stratos gefährdet Great Salt Lake

Ganz in der Nähe des geplanten Rechenzentrums liegt der Great Salt Lake. Der See schrumpft dramatisch. In den vergangenen 40 Jahren hat er zwei Drittel seiner Fläche verloren. Schuld daran ist vor allem der steigende Wasserbedarf: Die Landwirtschaft leitet Wasser aus den Zuflüssen ab. Immer mehr Menschen ziehen nach Utah und nach Salt Lake City, auch sie brauchen immer mehr Wasser zum Leben. "Derzeit verbraucht die Landwirtschaft mit Abstand das meiste Wasser, zwei Drittel. Die Städte liegen knapp dahinter an zweiter Stelle", erklärt der Ökologe Ben Abbott von der Brigham Young University bei KPCW-Radio.

Die Wärme des Stratos-Projekts könnte noch mehr See-Wasser verdunsten lassen, warnt der Physiker. Die Anlage werde zu einer erheblichen Austrocknung eines Wassereinzugsgebiets führen."

Im Seeboden sind Schwermetalle, die sich dort durch Industrie und eine ehemalige Mine abgelagert haben. Weil der Boden teilweise trocken liegt, wird der giftige Staub vom Wind in die Luft gewirbelt und von den Menschen eingeatmet. Außerdem setzt der austrocknende See Treibhausgase frei. Auch die US-Regierung hat das inzwischen erkannt: US-Präsident Donald Trump hat in seinem Haushaltsentwurf für 2027 eine Milliarde US-Dollar für für die Renaturierung und den Schutz des Sees eingeplant.

Utah ist nach Nevada der zweit trockenste US-Bundesstaat. Im Mai hat der republikanische Gouverneur Spencer Cox einen Wassernotstand ausgerufen. Zwar planen die Entwickler des Campus, ihre Anlagen mit einem geschlossenen Wasser-Kreislauf und per luftbasierter Kühlung zu kühlen. Das spart Wasser, verbraucht aber mehr Energie. Das Wasser für das Rechenzentrum soll aus dem Boden kommen, aus Tiefbrunnen auf dem Gelände. Die Projektentwickler haben sich dort Wasserrechte gesichert.

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Der Great Salt Lake ist vom Austrocknen bedroht. In dem übrigen salzhaltigen Wasser können nur bestimmte Lebewesen überleben, sie verleihen dem Wasser ihre rosa Farbe. (Foto: AFP)

Kritiker sagen, der genaue Wasserbedarf des Projekts sei weiterhin unklar. "Die Projektentwickler sagen, sie nutzen zur Stromerzeugung ein Trockenkühlverfahren und kühlen die Server mit einem geschlossenen Kreislauf. Wird beides umgesetzt, könnten Rechenzentren mit sehr geringem Wasserverbrauch betrieben werden. Dazu gibt es aber noch keine verbindlichen Zusagen", so Abbott im KPCW-Interview.

Anwohner ziehen vor Gericht

Kevin O'Leary schmettert die Argumente der Kritiker ab. Er behauptet, die Demonstranten würden bezahlt, um gegen Stratos zu sein. Ihm zufolge kommen sie auch nicht aus Box Elder County. Die Anlage bringe hochbezahlte Arbeitsplätze und Millionen an Steuern. Und sie werde ein "leuchtendes Beispiel" dafür sein, wie man es richtig macht, sagte O'Leary im CNN. "Wir zapfen den Great Salt Lake nicht an, das sind lauter falsche Informationen. Das Genehmigungsverfahren ist öffentlich. Wir müssen Land-, Luft- und Lärmschutzgenehmigungen einholen. Wir müssen den Weg über die Umweltschutzbehörde (EPA) gehen. Jeder kann diese Anträge öffentlich einsehen. Ich freue mich darauf, denn ich werde das umweltfreundlichste Rechenzentrum der Welt bauen."

Die Anwohner sind nicht überzeugt. Zusammen mit der gemeinnützigen Organisation Alliance for a Better Utah haben sie im Juni vor dem Bezirksgericht in Utah eine Klage gegen Stratos eingereicht. Sie werfen den Behörden vor, durch die Nutzung der Sonderbehörde Mida die Bürgerbeteiligung und Mitspracherechte umgangen zu haben. Vorher hatten Anwohner Anträge auf eine Volksabstimmung eingereicht, der Bezirksstaatsanwalt hatte die Petition aber blockiert.

Doch der Protest wirkt. Anfang Juni hat Kevin O'Leary angekündigt, Stratos zu verkleinern. Und er hat auch versprochen, dass er dafür sorgen will, dass Wasser in den Great Salt Lake geleitet wird.

Wie es mit Stratos weitergeht, ist unklar. Eigentlich sollte das Rechenzentrum 2028 an den Start gehen. Doch aktuell hat die staatliche Entwicklungsbehörde Mida das Projekt vorerst auf Eis gelegt, berichtet das Nachrichtenportal Utah News Dispatch Ende Juli. Aus Respekt vor dem Rechtsstreit, so eine Sprecherin.

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Quelle: ntv.de

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